Ja, ja, die Krise hat uns fest im Griff. Wen nicht? Wir reagieren mal erstinstanzlich mit einer Schlankheitskur in Sachen Zeug. Gerade als Quereinsteiger in diese Branche haben wir einiges an Fachliteratur und Materialien gesammelt, was nicht unbedingt auf unseren Regalen stehen muss. Die Lösung: ebay natürlich. Hier bieten wir all das zum Verkauf an, was wir nicht mehr brauchen, anderen aber sehr nützlich sein könnte. Insbesondere viel Literatur zu den Themen Corporate Identity, Corporate Design, Logodesign und Packaging. Auch nicht zu verachten: Eine Kiste superfeine Cromatico-Transparentkuverts im schönen quadratischen Format 16x16 für exklusive Mailings oder Einladungen. Und unser treuer Luftbefeuchter, der nur im alten Büro im 15. Bezirk überlebensnotwendig war.
Die Auktion läuft über mein privates Account, und so haben sich auch noch 50 moderne Klassiker der Weltliteratur hinein geschlichen: Die Süddeutsche Bibliothek, Band 1 bis 50 komplett.
Trennen werden wir uns im übrigen auch von unserem Festnetzanschluss und unserer festen Postadresse. Also bitte am Mobiltelefon anrufen oder gleich ein E-Mail schicken!
Die ersten Anzeichen habe ich ja schon letzten Frühling bemerkt. Jetzt ist es also tatsächlich soweit: UPC Österreich übernimmt das neue Logo des mütterlichen Konzerns. Damit einher geht ein Relaunch der Website, der allerdings schon seit einiger Zeit im Gange ist und nicht mehr viel Neues bietet, bis auf die Fehlermeldungen, die sie zumindest auf meinem Mac regelmäßig produziert.
Gleichzeitig wird der Markenname «chello» für die ISP-Sparte von UPC eingestampft und durch upc live ersetzt, auch hier gibt es eine neue Website, auf der das bekannte Chello-Orange verschwunden bzw. dem Weiß-Blau von UPC gewichen.
Über das neue Logo habe ich ja schon letzten März ausgelassen. Ich kann mich noch immer nicht damit anfreunden. Der Verzicht auf die Marke Chello hat eine gewisse Logik: Bei UPC will man ja Pakete verkaufen, möglichst keine Einzelleistungen. Dem widersprach bisher die Nomenklatur, erhielt man früher im gleichen Paket von derselben Firma drei Marken: Chello, Priority und Telekabel TV. Heute kriegt man halt upc live, Digital Telefon (Original mit Deppen-Leerzeichen) und komischerweise Telekabel oder halt Digital TV.
Schade ist es um zwei Dinge: Die Marke «Chello» hatte, mit allen Höhen und Tiefen ihres Daseins, einen Charakter und einen Markenkern: schnelles Breitbandinternt via Kabel. «upc live» hat das nicht und ist überdies ein langweiliger, charakterloser Name. Die URL upclive.at verleitet außerdem dazu, das Wort «up-Clive» zu lesen, vielleicht eine Art Clive-Barker-Fanclub. Um Priority ist es schade, weil das Telefon via Kabel funktioniert hat, während «UPC Digital Telefon» zumindest uns nur Ärger gemacht hat: Routing-Probleme, keine Rufnummernanzeige, Probleme bei der Rufnummerportierung, fehlgeleitete Anrufe, Kein-Anschluss-unter-dieser-gültigen-Nummer etc. Und selbstverständlich der Call-Center-Klassiker: Ein Dutzend Mal in der Warteschleife für nichts und wieder nichts. Das hat wenig mit dem Namen oder dem Logo zu tun, aber es gilt halt das Motto: Ein schlechtes Produkt kann auch das schönste Logo nicht besser machen.
Die Kollegen von Logoorange haben sich einmal mehr die Mühe gemacht, derzeitige Trends im Logo-Design ausfindig zu machen. Wichtig ist das allemal, weil gerade Logo-Designer ein ausgesprochenes Gespür für Trends, gemischt mit einer gesunden Dosis Skepsis, brauchen. Trendy zu sein ist für Corporate Design eine gefährliche Route, allzu schnell landet man da entweder auf der Copycat-Schiene oder rennt einem Trend nach, der bereits ein Ablaufdatum hat. Die Werbung und teilweise auch das Produkt-Branding ist da anders gepolt: Beide müssen, um einen entsprechenden Impact zu generieren, möglichst einen Schritt voraus sein, die Trends kapern, kurz bevor oder kurz nachdem sie den Massen bekannt werden. Im Corporate Design galt zumindest lange Zeit das Dogma der Zeitlosigkeit: CD muss jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang halten. Das ist allerdings graue Theorie, denn wir alle sind ein Stück weit in unserer Zeit gefangen und produzieren ja Gebrauchsgrafik für die Jetztzeit. Letztlich ist es immer ein Spagat.
Das zeigt besonders der Trendbericht 2009. Da gibt es Dinge, die eindeutig vorbei sind, wie die so genannten «Web-2.0-Logos», farben- und verlaufsfrohe flickr-ebay-Google-Klone, denen in Österreich ja immer noch nachgerannt wird. Dennoch haben sie einen Einfluss gehabt: Im Logo-Design ist immer mehr erlaubt. Praktische, produktionstechnische Probleme werden in Kauf genommen für eine höhere Einzigartigkeit, für mehr Impact. Frei nach dem Motto: Hauptsache auffallen, auch auf Kosten z.B. der Lesbarkeit. Hat natürlich seine Berechtigung. Wie immer gibt es aber auch den Gegentrend, zurück zur klassischen Moderne mit ihren klaren Formen, ihren Icons, ihrem Minimalismus, ihrer Zweidimensionalität. Ein Schritt, den nicht zuletzt die Großen wie Coca-Cola, Pepsi und Mercedes im letzten Jahr vorgemacht haben.
Mit der wichtigste Trend fehlt für mich in der Auflistung der Kollegen: Der Trend weg vom Logo. Ein Logo, das immer gleich bleibt und einfach überall in die rechte obere Ecke geklebt wird, wird es immer weniger geben. Die innovativeren Corporate Designer schaffen heute (und auch gestern) flexible Konzepte, die in ihrer grafischen Wiedererkennbarkeit weniger vom Logo als Einzelelement abhängen, die das Logo zum Teil völlig dekonstruieren, um neue Formen der grafischen Identität zu schaffen, wie das Beispiel von Saks Fifth Avenue zeigt. Dahin geht es für mich: Identity Design statt Logoentwicklung.
Ich war schon immer ein Freund und Verfechter der Populärkultur. Meine Diplomarbeit in englischer Literatur habe ich über einen amerikanischen Science-Fiction-Autor geschrieben, Philip K. Dick. Mein allererstes Proseminar behandelte das Thema Horror. Und ich hatte immerhin mal ein Bewerbungsgespräch als Fantasy-Lektor bei einem großen Wiener Verlag (war dann doch nix).
Das Internet und die unglaubliche Verbreitung von populären Medien zum Beispiel über DVD haben Teile dieser ehemaligen Subkulturen, der vormals weggesperrten Schundliteratur zum Mainstream werden lassen. Insbesondere Filme wie «Matrix» oder «Der Herr der Ringe» und TV-Serien wie «Battlestar Galactica» oder «Lost» haben ihren Teil dazu getan. Noch faszinierender ist es, wie schnell heute ein kultureller bzw. ästhetischer Trend oder auch nur eine bestimmte Story den Weg durch die Medien macht. Aus dem Film «Alien» wird ein Comic, dann ein Crossover-Comic mit dem Franchise «Predator», darauf basiert ein Videospiel, das wiederum verfilmt wird, dazu gibt's eine passende Romanserie. Pop-Kultur schließt nicht nur Kreise, sie zieht Spiralen.
Das sollte uns als Designer interessieren, denn solche Phänomene prägen auch ästhetische Welten, prägen unsere Wahrnehmung und Sensibilität. Ein besonders prominenter Trend dieser Art ist für mich derzeit Steampunk. Als Prototyp des Genres gilt der 1990 veröffentlichte Roman The Difference Engine von den Cyberpunk-Größen William Gibson und Bruce Sterling. Die Geschichte erzählt von einem alternativen Viktorianischen England, wo ein auf der Dampfmaschine basierender Computer erfunden und damit gleichzeitig die Industrielle Revolution als auch das Zeitalter der Informationstechnologie losgetreten wurde. Es ist eine Welt der Uhrwerke, der Zahnräder, des Schmieröls, der Luftschiffe, der Nieten und Bolzen. Es zischt, dampft und rattert in allen Ecken, während gleichzeitig noch die rigide Moral, Etikette und Kleidung des späten 19. Jahrhunderts herrschen.
Diese Mischung aus Geschichte, Science Fiction und der Romantik eines Jules Verne oder H.G. Wells inspirierte Autoren, Zeichner, Filmemacher, Fans, Künstler und nicht zuletzt Designer. Alan Moores Graphic Novel «The League of Extraordinary Gentlemen, leider von Hollywood auf grausame Weise filmartig entstellt, machte das Genre beim Fanboy-Publikum beliebt. Es folgte und folgt noch immer die gesamte Medienpalette: PC-Games wie Arcanum, Anime wie Steamboy, Rollenspiele, eine ganze Reihe von durch die Steampunk-Bewegung beeinflussten Romanen wie Perdido Street Station
von China Miéville oder auch die ebenfalls schlechte verfilmte Trilogie beginnend mit «The Golden Compass von Philip Pullman. Es gibt sogar Steampunk-Bands und, selbstverständlich für eine Pop-Subkultur, Steampunk-Conventions.
Hier kommt wieder das Thema Design ins Spiel: Die Mischung aus Nostalgie, High-Tech und Low-Tech ist einfach faszinierend. Grafisch entstand daraus zum Beispiel das beindruckende, kostenlose SteamPunk Magazine. Noch spannender finde ich die Arts-and-Crafts-Bewegung im Steampunk: Unglaublich talentierte Amateure, die tatsächlich brauchbare Elektronik von heute mit viel gebürstetem Messing, Zahnrädern und Stahlfedern auf Steampunk umbauen, zu sehen u.a. hier, hier und hier.
Warum ist das ganze interessant? Einerseits aus der kulturhistorischen Perspektive. Man kann am Steampunk wunderbar beobachten, wie eine Idee von der Sub- über die Popkultur langsam in den Mainstream wandert, wo Steampunk sicher noch nicht ganz angekommen ist. Andererseits aus der Design-Perspektive: Hier ist ein reicher ästhetischer Schatz, aus dem man schöpfen kann (und muss, bevor er ganz im Mainstream angekommen ist und abgenutzt wirkt). Und letztlich auch als inspirierendes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn sich Künstler, Designer und Fans kreativ mit Ideen spielen, die niemand als geistiges Eigentum für sich beanspruchen kann und will. Es fühlt sich an wie ein globales Kollektiv der Kreativen, die, mit oder ohne kommerzielle Interessen, gemeinsam an einer Idee weiter feilen. Open Source Art.
Wer Lust hat auf mehr, dem sei das Blog Clockworker.de empfohlen.
Das Administrative vorneweg: Heute ist mein letzter Tag im Büro, dann sind wir bis zum 7. Januar hochoffiziell auf Weihnachtsurlaub. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, allen KundInnen und ParterInnen von kreisrot schöne Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2009. Wow, übernächstes Jahr klingt dann schon schwer nach Science Fiction ...
Ich nutzt die Gelegenheit für einen ganz persönlichen Jahresrückblick. Der Start ins Jahr 2008 war heftig: Umzug ins neue Büro und gleichzeitig ein Jahresbericht von 100 Seiten fertigzustellen. Ich war insofern sehr zufrieden, als wir uns selbst bewiesen haben, dass gerade unter Druck sehr viel weitergeht und die kreativen Säfte nur so fließen. Ich greife noch zwei weitere Projekte des Jahres heraus, weil sie ganz besonders befriedigend waren: enzo velo und Mixed Pasta (deren Website noch nicht wirklich soweit ist). Besonders befriedigens aus mehreren Gründen. Erstens saßen beide Kunden in meinem Unternehmensgründungsprogramm-Workshop und waren offenbar sehr überzeugt von dem, was ich den GründerInnen mitzugeben versuche. Zweitens waren beides Kunden, die uns als Partner und Berater akzeptiert und geschätzt haben (was vielleicht mit dem ersten Punkt zu tun hat). Drittens sind wir mit den Resultaten sehr glücklich (was sicher mit dem zweiten Punkt zu tun hat). Und viertens sind beides reale Geschäfte, womit sich unsere Ideen ganz greifbar in den Straßen Wiens manifestieren. Eine feine Sache!
Es gab aber auch weniger erfreuliche Dinge. Das durch die EURO verlängerte Sommerloch war heftig. Wir sind zudem zu mehreren Pitches eingeladen worden, haben uns gut geschlagen aber keinen einzigen gewonnen. Klar müssen wir uns da selbst an der Nase nehmen, mit besseren Ideen und Argumenten hätten wir vielleicht den ersten Platz geschafft. Klar ist aber auch, dass wir aus Sicht der potenziellen Kunden teilweise einfach zu klein waren. So angenehm es ist, im Mini-Team zu arbeiten und keine fetten Strukturen aufrecht erhalten zu müssen, so sehr stößt man manchmal einfach an Grenzen. Kleines Büro heißt halt oft auch kleine Jobs.
Und ganz am Ende dieses Jahres klopft nun auch die Weltwirtschaftskrise (ich darf sie wohl mittlerweile so nennen) an unsere Tür: Ein von uns auf der grafischen Seite mitgestaltetes Finanzprodukt ist dieser Tage eingestellt worden. Auch wenn wir daran keinen Anteil hatten – es tut weh. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die Krise gerade im nächsten Jahr den Bereich der Dienstleister stark treffen wird, zu dem wir selbst und viele unserer Kunden gehören. Umgekehrt glaube ich aber auch, dass die Design-Branche weniger leiden wird als die Werbung. CI/CD lebt weder vom schnellen Geld noch vom schnellen Effekt, sondern von der langfristigen strategischen Planung. Es fragt sich nur, ob die Strategen in den Unternehmen angesichts der dauernden Feuerwehraktionen in den kommenden Monaten überhaupt Gehör finden werden.
Nun, wir leben in aufregenden Zeiten. Man darf gespannt sein, was das Jahr 2009 bringt.
Es darf mal wieder gewählt werden. Nicht ganz anonym und dennoch im Internet. Dieses Mal geht es um Sprache, aber die politische Wahl hat ziemliche Spuren hinterlassen: Einige Wortschöpfungen sind wohl direkt den Spin-Doctors dieses überhasteten, etwas seltsamen Wahlkampfs entsprungen. Mir fällt besonders auf, dass die Grenze vom Wort zum Unwort des Jahres sehr, sehr fließend ist. Und manchmal hätte ich gerne zwei Stimmen gehabt. Aber egal, hier die Nominierten mit meinem Senf dazu.
Zum Wort des Jahres sind nominiert:
Ameisenrunde
Eine mäßig originelle Wortschöpfung. Obwohl das Thema Fernsehwahlkampf heuer doch erstmals interessant war, insofern als sich die Konkurrenten des ORF etwas haben einfallen lassen – und die Politiker sich darauf teils nur widerwillig oder gar nicht eingelassen haben.
Casinokapitalismus
Für mich nicht neu, sondern seit Jahr und Tag mit dem Schweizer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler verbunden, der momentan natürlich wieder stark gefragt ist, wie kürzlich im Club 2, wo die Mitdiskutanten seinen leidenschaftlichen, informierten und polemischen Tiraden wie im Schockzustand gefolgt sind. Großes Kino.
Ego-Googeln
Touché. Ich liebe Ego-Googeln und verkünde immer wieder mal gerne, dass ich im Internet berühmt bin. Immerhin irgendwo, gell? Sollte das Wort gewinnen, dürfte eine gewisse Firma mit Markenrechten an diesem Namen nicht erfreut sein. Wenn eine Marke zu stark Eingang in den täglichen Wortschatz hält, können Schutzrechte verloren gehen.
Europhorie
Ist ja wohl hoffentlich ironisch gemeint? Ich bin davon überzeugt, dass die Euro08 für die Gesamtwirtschaft unterm Strich negativ ausgefallen ist. Und damit meine ich nicht die Wirte in der Fanzone, die eben willig einer blinden Europhorie zum Opfer gefallen sind. Ich meine Unternehmen wie unseres, die das traditionelle Sommerloch um vier Wochen verlängern mussten, weil sich zur Euro kein Mensch vom Fernseher weg bewegt hat. UNWORT! Fremdschämen
Mein absoluter Favorit. Keine Ahnung, wer es erfunden hat, aber der Ausdruck war dringend notwendig für all jene Situationen, wo man vor dem Fernseher sitzt und denkt: «Schleichts euch von der Kamera weg!» Reality TV hat also doch sein gutes, zumindest lexikalisch.
Krocha
Ja, sehr Zeitgeistig. Man ist stolz, auch mal Ursprung einer Jugendkultur zu sein, selbst dieser. Die Medien gierten danach.
Lebensmensch
Zweiter Favorit. Wo ist eigentlich der Begriff «Nebenwitwe» (Copyright Misik) abgeblieben?
Stammhirnwähler
Ist an mir vorbeigegangen.
Teflonpolitiker
Gegenstück zum Goretex-Schüler, an dem alles Wissen wie Wasser abperlt.
Wachteleierkoalition
Danke, VdB, da hast du uns ein Schmuckstück hinterlassen. Würde gerne wissen, wer sich das ausgedacht hat.
Zum Unwort des Jahres sind nominiert: Asylanten-Sonderanstalt
Interessant, dass fast alle Unwörter einmal mehr aus dem Themenkreis der Fremdenfeindlichkeit kommen. Überrascht mich allerdings nicht.
Ausgrenzungsfetischismus
Schön lang ist auch schön. Einfach vergessen.
Bankster
Immer gute Kandidaten für Unwörter: Wortspiele, die nicht recht funktionieren wollen.
Gewinnwarnung
Euphemismen schaffen es auch gernen ins Ranking. Das Wort hat Chancen, ist es doch Ausdruck der Haltung, die uns in diese Wirtschaftskrise geritten hat.
Heimatpartei
Eigentliches Unwort: Der Zusatz «sozial,» den sich gleich mehrere Parteien auf die Fahne geschrieben haben. Wäre mal spannend, eine völlig asoziale Partei zu gründen.
Kulturdelikt
Frau Fekter, was haben Sie uns angetan? Diese schöne Mischung aus politischer Korrektheit und verholenen Animositäten bringt auch keinen weiter. Delikte sind Delikte, illegal ist illegal. Eigentlich wäre vor dem Gesetz jeder gleich.
Migrationshintergrund
Noch einmal ein schönes Beispiel dafür, wie gut gemeinte Korrektheit zu einem Begriff führen kann, der gleich einen negativen Beigeschmack kriegt. Nun, mein Opa ist nach Kanada emigriert. Ich komme aus der Schweiz. Ein Kulturdelikt?
nachhaltig
Ein absoluter Dauerbrenner. Ich erinnere mich an eine Reihe von Kurzpräsentationen neu gegründeter Firmen. Mein Sitznachbar zu mir: «Wenn jetzt noch einmal jemand 'nachhaltig' sagt, dann schreie ich!»
situationselastisch
Hm. Wie? Ging ebenfalls an mir vorbei.
Vorratsdatenspeicherung
Nun ja, hier hat das Konzept, aber nicht das Wort den Preis verdient. Der Begriff an sich beweist, wie produktiv die deutsche Sprache sein kann. Es ist also durchaus möglich, vollkommen neue Konzepte in einem von Englisch dominierten Bereich deutsch zu benennen.
Abgestimmt werden kann hier. Am 11. Dezember werden die Sieger bekannt gegeben.
Nach der Lektüre unserer letzten Typografietipps mag mancher darauf kommen, dass er/sie/es den Satz eines Textes vielleicht doch lieber einem Profi überlässt. Erst mal: Gute Entscheidung! Wir müssen ja auch leben, unsere Kinder sind hungrig. Aber auch hier gibt es einige Dinge zu beachten, um den Arbeitsaufwand und damit die Fehleranfälligkeit für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten. Das betrifft insbesondere die Zulieferung von Texten und Bildern bzw. Layout-Vorlagen.
Powerpoint-Vorlagen
Powerpointfolien sind zwar anschaulich, bringen fürs Layout aber sehr wenig. Insbesondere dann, wenn die Texte noch dazu in Textrahmen eingebettet sind. Wir können die Texte nicht importieren, sondern muss jeden Textrahmen einzeln per Copy/Paste ins Indesign-Dokument einfügen. In Powerpoint eingebettete Bilder sind fürs Layout wertlos, sie wurden beim Einbetten für Powerpoint optimiert. Schneller und nützlicher sind (durchaus handgekritzelte) Skizzen der einzelnen Seiten Sinne von: Text hierher, Bilder hierher.
Texte
Alle Texte für ein Layout sollten gemeinsam in ein Word- oder TXT-Dokument, und zwar möglichst unformatiert. Das heißt: Bei Überschriften zum Beispiel nicht fette Schrift auswählen, sondern z.B. ### Ü1 ### dazuschreiben, damit wir wissen, was wie zu formatieren ist. Moderne Layoutprogramme können allerdings die Formatvorlagen von Word importieren und ihnen die angepassten Formatvorlagen des Layouts zuweisen. Man kann also auch die Überschrift 1 als «Überschrift1» formatieren, das aber möglichst konsequent. Der Normalfall ist immer noch, dass beim Import eines Textdokuments sämtliche Formatierungen wegfallen.
Der Text sollte einerseits korrekturgelesen sein, denn Korrekturen im fertigen Layout können die Arbeit verdoppeln, wenn es zum Beispiel um die händische Korrektur von Zeilenumbrüchen geht. Andererseits sollte der Text so «sauber» wie möglich sein, also: keine doppelten Leerzeichen, keine doppelten Zeilenschläge (Leerzeilen werden besser mit Abständen vor dem Absatzformat erzeugt, so kann man sie auch anpassen), keine Leerzeichen vor Satzzeichen, keine Textblöcke, keine Tabulatoren, keine Notizen oder nachverfolgten Änderungen. Einfach nur sauberer Text. Den können wir dann unter Umständen mit einem Mausklick automatisiert über die vorgefertigten Masterseiten fließen lassen. Wieder mal Deppenhacken gespart.
Bilder
Sämtliche Bilder sollten als JPG, TIFF oder PSD vorliegen, jeweils mit einer Auflösung von 300 DPI und im Farbmodus CMYK. Beides lässt sich in Photoshop eruieren bzw. einstellen. Bitte nicht wundern, wenn die riesigen 72-DPI-Bilder plötzlich so klein werden. Wir brauchen die hohe Auflösung für den Druck, und die Anzahl Pixel wird bei größerer Auflösung nicht höher. Vierfärbige Bilder sollten übrigens nie als GIF abgespeichert werden, da GIFs nur 256 Farben haben und damit der Großteil der Farbinformation verloren geht. Die Bilder kommen in einen eigenen Ordner, möglichst aussagekräftig benamst und nicht ins Word-Dokument eingebettet. Es gehört zu unseren Job, die Bilder noch etwas zu bearbeiten und fürs jeweilige Druckprodukt zu optimieren. Kleine JPGs aus dem Internet sind aber, abgesehen von den urheberrechtlichen Problemen, kaum je zu gebrauchen; da hilft aller Photoshop-Zauber nichts. Auch hier besser etwas Geld in die Hand nehmen, einen Fotografen engagieren oder in den mittlerweile sehr günstigen Stockfoto-Archiven wie iStockphoto.com hochauflösendes Material einkaufen.
Abgesehen von der möglicherweise aufwändigeren Bildrecherche sollten diese Tipps den Arbeitsaufwand beider seiten nicht erhöhen, sondern drastisch reduzieren. Es ist eine klare Arbeitsteilung: Inhalte und eventuell Skizzen von den Auftraggebern, Layout und Druckvorlagen vom Grafikbüro. Damit kümmern sich beide um das, was sie am besten können und bringen sich entsprechend ein. Eine generell brauchbare Definition guter Teamarbeit.
In unserem Artikel über Blocksatz könnte der Eindruck entstanden sein, dass der linksbündige Flattersatz die völlig problemlose Alternative ist. Dem ist nicht ganz so. Auch der Flattersatz hat seine Tücken.
Eingesetzt werden kann der Flattersatz praktisch überall: im ein- und mehrspaltigen Satz, für Prosatexte, Lyrik, lange Texte, kurze Texte. Wie beim Blocksatz wird er schöner, wenn die Zeilen lang genug sind. Aber gerade bei kurzen Zeilen ist der Flattersatz absolut notwendig, da diese nur löchrigen Blocksatz hergeben. Abgesehen davon ist die Entscheidung zwischen Flattersatz und Blocksatz vor allem Geschmackssache. Manche mögen das rhythmische Flattern am rechten Rand und die regelmäßigen Wortabstände des Flattersatzes, andere haben lieber die rigiden Rechtecke des Blocksatzes.
Zu den Tücken. Die meisten Textverarbeitungs-Programme und selbst viele Layout-Programme beherrschen den Flattersatz nicht. Sie können eigentlich nur Rauhsatz. Das heißt: Sie füllen die Zeile so weit, bis das Textfenster zu Ende ist. Keine Zauberei, aber eben Rauhsatz, der manchmal wie ein schlecht gemachter Blocksatz aussieht.
Im eigentlichen Flattersatz wechseln sich idealerweise kurze und lange Zeilen ab, und es gibt eine mehr oder weniger breite Flatterzone zwischen der kürzesten und der längsten Zeile. Dieser Effekt lässt sich durch zwei Maßnahmen erreichen: Erstens wird die automatische Zeilentrennung abgedreht. Im Flattersatz trennt man händisch und schön, also nur dort, wo es inhaltlich einen Sinn ergibt. Wörter unter fünf Buchstaben sollte man zum Beispiel nicht trennen. Zweitens: Korrektur per Hand. Wenn man der Automatik vertraut, können unerwünschte Effekte eintreten, zum Beispiel ungewollter Formsatz. Es kann irritieren, wenn das, was eigentlich flattern sollte, plötzlich wie eine Kurve oder eine Nase aussieht. Hin und wieder ein erzwungener Zeilenwechsel bringt die notwendige Korrektur.
Man sieht schon: Flattersatz ist keine faule Lösung, sondern, wenn man es ordentlich macht, aufwändiger als Blocksatz. Jedenfalls braucht es dafür Schriftsetzer, die auch den Text lesen.
Barack Obama wird also der neue US-Präsident. Und das mit einem Sieg, den trotz Prognosen in dieser Klarheit keiner erwarten konnte. Natürlich hat er als Person und mit seinen Inhalten überzeugt, natürlich kamen ihm die Anti-Bush-Stimmung und die Finanzkrise zupass. Dennoch: Dieser überragende Erfolg ist vor allem auch das Resultat einer modernen Marketing-Kampagne, wie es sie in dieser Form noch nie gegen hat. Ich bin kein Insider, dennoch nehme ich mir einige Lektionen mit, inspiriert durch Blog-Artikel der Marketing-Gurus Seth Godin und Laura Ries.
Schon in den ersten Analysen wird klar, warum Obama rein rechnerisch gewonnen hat. Er konnte neue Schichten und wesentlich mehr Menschen als in den Wahlen zuvor dazu motivieren, wählen zu gehen. Angeblich hat er unter den NeuwählerInnen (vor allem den -Innen) sogar einen Anteil von 70 Prozent erreicht. Wie hat er das geschafft, und was können wir auch vom Scheitern seines Gegners McCain lernen?
Lektion 1: Klare Botschaften, Konsequenz bis hin zur Sturheit. Obama hat seit dem Tag seines Eintritts ins Kandidatenrennen eine Botschaft gehabt, ein Stichwort besetzt: «Change», vielleicht noch ergänzt durch «Hope». Diese Botschaft hatte einerseits den Vorteil, dass sie fast jeder wollte, andererseits verkörpter Obama den Anspruch auf ein neues Amerika wie kein anderer. Er ist jünger, hat eine andere Hautfarbe, spricht anders, denkt anders als das Bush-Establishment. Und sein Programm unterscheidet sich radikal von jenem der Republikaner. Das ist auch ein Pluspunkt für Obama: Er hat sich nie als besserer Republikaner, sondern immer als eher liberal denkender Demokrat positioniert, mit Themen wie Gesundheitsversorgung, Umverteilung, Energiewende. Durchaus mutig, wenn man weiß, wie man sich mit diesen Themen in den USA lange Zeit ins radikale Eck hatte stellen lassen müssen.
Doch es war klar, dass Obama nicht nur mit den Stimmen der registrierten Demokraten gewinnen konnte. Er brauchte neue Wähler. Jene nämlich, die bisher nicht oder wechselnd gewählt haben. Junge Menschen, Frauen, Unabhängige. Sie zu mobilisieren war das klare Ziel der Kampagne. Obamas Team hat es geschafft, indem es von Anfang an den Weg der «Grassroots» gegangen ist. Das heißt: Der viel zitierte Kleine Mann sollte nicht nur Zielgruppe sein, der über die klassischen Medien mit Werbung abgefüttert wird, er sollte selbst Wahlhelfer werden. Das Obama-Team hat, wie Seth Godin beschreibt, von Anfang an eine Liste mit Menschen geführt, die sich für Informationen über Obama interessieren. Diese wurden gezielt (und nicht übermäßig oft) mit relevanten Informationen versorgt und dazu motiviert, weitere Engagierte zu finden. Gleichzeitig hat Obama wie kein anderer vor ihm die neuen Medien genutzt. Weblogs, Twitter, YouTube und viele anderen Services waren voll mit Inhalten, die von den Usern selbst (und vom Obama-Team) geschaffen wurden. Berühmt geworden ist das iPhone-Tool, das im Adressbuch des Users Freunde in den so genannten Swing-States herausgesucht hat, mit der Bitte, diese doch von Obama zu überzeugen. Wie viel mächtiger ist es, wenn ein begeisterter Freund mich anruft, als wenn (wie bei McCain) ein Automat vom Band über Obama herzieht.
Das ist für mich die zweite wichtige Lektion aus dem US-Wahlkampf: Negativwerbung geht meistens schief. McCain hat versucht, sich selbst als den wahren Reformer hinzustellen – «Change» war aber schon von seinem Gegner besetzt. Dann blieb nur noch der Schmutzkübel mit dem Versuch, Obama ins linksextreme Eck zu stellen. Das hat beim letzten Wahlkampf noch gut funktioniert, dieses Mal aber nicht. Obama war schon positioniert, McCain nicht. Er hat mehr oder weniger gesagt: «Wählt nicht den da.» Er hatte aber sonst kein Argument für «Wählt mich». Wir lernen daraus: Botschaften zu klauen funktioniert nicht, und wer attackiert, sollte auch eine echte Alternative bieten. Weiters hat McCains Team nicht mit der Macht der Grassroots gerechnet: Obamas Anhänger identifizierten sich mit seiner Bewegung. Jeder Angriff McCains war ein Angriff auf sie und nur noch mehr Motivation, ihrem Kandidaten zum Sieg zu verhelfen
Letzte Lektion: Das Spiel ist erst gewonnen, wenn es vorbei ist. Obama hat angeblich seinem Team immer gesagt: Wir arbeiten so, als lägen wir zehn Prozent hinter McCain in den Umfragen. Hoffnung alleine reicht nicht, die Menschen müssen auch hingehen zur Wahl, unter Umständen stundenlang anstehen. Die Devise war also: Mobilisieren bis zum letzten Tag. Was auch in diesem YouTube-Video schön zum Ausdruck kommt:
So ist es ja nun nicht gekommen. Wir dürfen also gespannt sein auf den Präsidenten Barack Obama. Aber da zeigt sich die letzte Lektion, die wir von ihm lernen können: Obama hat bei seinem Wahlkampf immer auch an seine Präsidentschaft gedacht. Er hat immer gesagt: «Ich bin nicht perfekt, ich habe viel zu lernen, es gibt viel zu tun.» Gleichzeitig gab es aber immer seine Visionen, Ziele und Projekte: Abzug aus Irak, Reform des Gesundheitswesens, Steuerreform zugunsten des Mittelstandes. Die Basis, die Obama für sich geschaffen hat, wird ihm Zeit geben für seine Projekte, wird ihm Fehler verzeihen, ihn aber auch an seine Visionen erinnern, sollten sie links liegen bleiben. Gute Aussichten für ein neues politisch-gesellschaftliches Klima in den USA. Den Vergleich mit den Wahlen in Österreich spare ich mir jetzt.
Ulrike Wieser ist seit frühesten Zeiten unsere liebste Kooperations-Partnerin, wenn es um Fotos geht. Sie hat nicht nur technisch alles drauf, sondern auch diesen besonderen Blick für Menschen. Im Tagesgeschäft hat sie sich auf zwei besonders schöne und schwierige Themen spezialisiert: Schwangerschaft und Kinder.
Jetzt gibt es einige ihrer Bilder in einer Ausstellung zu bewundern: Die Vernissage findet am 31. Oktober 2008 um 17 Uhr im Nanaya statt (Zollergasse 37, 1070 Wien). Entstanden sind diese Bilder aus einer Zusammenarbeit mit der Künstlerin Christina Regorosa, die Erfahrungen aus ihrer eigenen Schwangerschaft in Texte verarbeitet hat. Fotografisches Thema der Ausstellung (und des dazu gehörigen Bildbandes) ist das neue weibliche Körperbewusstsein, das aus der einzigartigen Situation des Schwangerseins entsteht. Entstanden sind ehrliche, authentische Bilder, die von dem so ganz anderen, natürlichen Schönheitsideal der Schwangeren erzählen.
Übrigens: Auch für jeden Mann, der diese wundersame Verwandlung einmal miterlebt hat (oder es einmal vor hat), eine empfehlenswerte Veranstaltung.