23.12.08

Jahreswechsel

Das Administrative vorneweg: Heute ist mein letzter Tag im Büro, dann sind wir bis zum 7. Januar hochoffiziell auf Weihnachtsurlaub. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, allen KundInnen und ParterInnen von kreisrot schöne Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2009. Wow, übernächstes Jahr klingt dann schon schwer nach Science Fiction ...

Ich nutzt die Gelegenheit für einen ganz persönlichen Jahresrückblick. Der Start ins Jahr 2008 war heftig: Umzug ins neue Büro und gleichzeitig ein Jahresbericht von 100 Seiten fertigzustellen. Ich war insofern sehr zufrieden, als wir uns selbst bewiesen haben, dass gerade unter Druck sehr viel weitergeht und die kreativen Säfte nur so fließen. Ich greife noch zwei weitere Projekte des Jahres heraus, weil sie ganz besonders befriedigend waren: enzo velo und Mixed Pasta (deren Website noch nicht wirklich soweit ist). Besonders befriedigens aus mehreren Gründen. Erstens saßen beide Kunden in meinem Unternehmensgründungsprogramm-Workshop und waren offenbar sehr überzeugt von dem, was ich den GründerInnen mitzugeben versuche. Zweitens waren beides Kunden, die uns als Partner und Berater akzeptiert und geschätzt haben (was vielleicht mit dem ersten Punkt zu tun hat). Drittens sind wir mit den Resultaten sehr glücklich (was sicher mit dem zweiten Punkt zu tun hat). Und viertens sind beides reale Geschäfte, womit sich unsere Ideen ganz greifbar in den Straßen Wiens manifestieren. Eine feine Sache!

Es gab aber auch weniger erfreuliche Dinge. Das durch die EURO verlängerte Sommerloch war heftig. Wir sind zudem zu mehreren Pitches eingeladen worden, haben uns gut geschlagen aber keinen einzigen gewonnen. Klar müssen wir uns da selbst an der Nase nehmen, mit besseren Ideen und Argumenten hätten wir vielleicht den ersten Platz geschafft. Klar ist aber auch, dass wir aus Sicht der potenziellen Kunden teilweise einfach zu klein waren. So angenehm es ist, im Mini-Team zu arbeiten und keine fetten Strukturen aufrecht erhalten zu müssen, so sehr stößt man manchmal einfach an Grenzen. Kleines Büro heißt halt oft auch kleine Jobs.

Und ganz am Ende dieses Jahres klopft nun auch die Weltwirtschaftskrise (ich darf sie wohl mittlerweile so nennen) an unsere Tür: Ein von uns auf der grafischen Seite mitgestaltetes Finanzprodukt ist dieser Tage eingestellt worden. Auch wenn wir daran keinen Anteil hatten – es tut weh. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die Krise gerade im nächsten Jahr den Bereich der Dienstleister stark treffen wird, zu dem wir selbst und viele unserer Kunden gehören. Umgekehrt glaube ich aber auch, dass die Design-Branche weniger leiden wird als die Werbung. CI/CD lebt weder vom schnellen Geld noch vom schnellen Effekt, sondern von der langfristigen strategischen Planung. Es fragt sich nur, ob die Strategen in den Unternehmen angesichts der dauernden Feuerwehraktionen in den kommenden Monaten überhaupt Gehör finden werden.

Nun, wir leben in aufregenden Zeiten. Man darf gespannt sein, was das Jahr 2009 bringt.

4.12.08

(Un)Wort des Jahres

Es darf mal wieder gewählt werden. Nicht ganz anonym und dennoch im Internet. Dieses Mal geht es um Sprache, aber die politische Wahl hat ziemliche Spuren hinterlassen: Einige Wortschöpfungen sind wohl direkt den Spin-Doctors dieses überhasteten, etwas seltsamen Wahlkampfs entsprungen. Mir fällt besonders auf, dass die Grenze vom Wort zum Unwort des Jahres sehr, sehr fließend ist. Und manchmal hätte ich gerne zwei Stimmen gehabt. Aber egal, hier die Nominierten mit meinem Senf dazu.

Zum Wort des Jahres sind nominiert:

Ameisenrunde
Eine mäßig originelle Wortschöpfung. Obwohl das Thema Fernsehwahlkampf heuer doch erstmals interessant war, insofern als sich die Konkurrenten des ORF etwas haben einfallen lassen – und die Politiker sich darauf teils nur widerwillig oder gar nicht eingelassen haben.

Casinokapitalismus
Für mich nicht neu, sondern seit Jahr und Tag mit dem Schweizer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler verbunden, der momentan natürlich wieder stark gefragt ist, wie kürzlich im Club 2, wo die Mitdiskutanten seinen leidenschaftlichen, informierten und polemischen Tiraden wie im Schockzustand gefolgt sind. Großes Kino.

Ego-Googeln
Touché. Ich liebe Ego-Googeln und verkünde immer wieder mal gerne, dass ich im Internet berühmt bin. Immerhin irgendwo, gell? Sollte das Wort gewinnen, dürfte eine gewisse Firma mit Markenrechten an diesem Namen nicht erfreut sein. Wenn eine Marke zu stark Eingang in den täglichen Wortschatz hält, können Schutzrechte verloren gehen.

Europhorie
Ist ja wohl hoffentlich ironisch gemeint? Ich bin davon überzeugt, dass die Euro08 für die Gesamtwirtschaft unterm Strich negativ ausgefallen ist. Und damit meine ich nicht die Wirte in der Fanzone, die eben willig einer blinden Europhorie zum Opfer gefallen sind. Ich meine Unternehmen wie unseres, die das traditionelle Sommerloch um vier Wochen verlängern mussten, weil sich zur Euro kein Mensch vom Fernseher weg bewegt hat. UNWORT!
Fremdschämen
Mein absoluter Favorit. Keine Ahnung, wer es erfunden hat, aber der Ausdruck war dringend notwendig für all jene Situationen, wo man vor dem Fernseher sitzt und denkt: «Schleichts euch von der Kamera weg!» Reality TV hat also doch sein gutes, zumindest lexikalisch.

Krocha
Ja, sehr Zeitgeistig. Man ist stolz, auch mal Ursprung einer Jugendkultur zu sein, selbst dieser. Die Medien gierten danach.

Lebensmensch
Zweiter Favorit. Wo ist eigentlich der Begriff «Nebenwitwe» (Copyright Misik) abgeblieben?

Stammhirnwähler
Ist an mir vorbeigegangen.

Teflonpolitiker
Gegenstück zum Goretex-Schüler, an dem alles Wissen wie Wasser abperlt.

Wachteleierkoalition
Danke, VdB, da hast du uns ein Schmuckstück hinterlassen. Würde gerne wissen, wer sich das ausgedacht hat.

Zum Unwort des Jahres sind nominiert:
Asylanten-Sonderanstalt
Interessant, dass fast alle Unwörter einmal mehr aus dem Themenkreis der Fremdenfeindlichkeit kommen. Überrascht mich allerdings nicht.

Ausgrenzungsfetischismus
Schön lang ist auch schön. Einfach vergessen.

Bankster
Immer gute Kandidaten für Unwörter: Wortspiele, die nicht recht funktionieren wollen.

Gewinnwarnung
Euphemismen schaffen es auch gernen ins Ranking. Das Wort hat Chancen, ist es doch Ausdruck der Haltung, die uns in diese Wirtschaftskrise geritten hat.

Heimatpartei
Eigentliches Unwort: Der Zusatz «sozial,» den sich gleich mehrere Parteien auf die Fahne geschrieben haben. Wäre mal spannend, eine völlig asoziale Partei zu gründen.

Kulturdelikt
Frau Fekter, was haben Sie uns angetan? Diese schöne Mischung aus politischer Korrektheit und verholenen Animositäten bringt auch keinen weiter. Delikte sind Delikte, illegal ist illegal. Eigentlich wäre vor dem Gesetz jeder gleich.

Migrationshintergrund
Noch einmal ein schönes Beispiel dafür, wie gut gemeinte Korrektheit zu einem Begriff führen kann, der gleich einen negativen Beigeschmack kriegt. Nun, mein Opa ist nach Kanada emigriert. Ich komme aus der Schweiz. Ein Kulturdelikt?

nachhaltig
Ein absoluter Dauerbrenner. Ich erinnere mich an eine Reihe von Kurzpräsentationen neu gegründeter Firmen. Mein Sitznachbar zu mir: «Wenn jetzt noch einmal jemand 'nachhaltig' sagt, dann schreie ich!»

situationselastisch
Hm. Wie? Ging ebenfalls an mir vorbei.

Vorratsdatenspeicherung
Nun ja, hier hat das Konzept, aber nicht das Wort den Preis verdient. Der Begriff an sich beweist, wie produktiv die deutsche Sprache sein kann. Es ist also durchaus möglich, vollkommen neue Konzepte in einem von Englisch dominierten Bereich deutsch zu benennen.

Abgestimmt werden kann hier. Am 11. Dezember werden die Sieger bekannt gegeben.

18.11.08

Typografie-Tipps 5: Textvorbereitung

Nach der Lektüre unserer letzten Typografietipps mag mancher darauf kommen, dass er/sie/es den Satz eines Textes vielleicht doch lieber einem Profi überlässt. Erst mal: Gute Entscheidung! Wir müssen ja auch leben, unsere Kinder sind hungrig. Aber auch hier gibt es einige Dinge zu beachten, um den Arbeitsaufwand und damit die Fehleranfälligkeit für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten. Das betrifft insbesondere die Zulieferung von Texten und Bildern bzw. Layout-Vorlagen.

Powerpoint-Vorlagen

Powerpointfolien sind zwar anschaulich, bringen fürs Layout aber sehr wenig. Insbesondere dann, wenn die Texte noch dazu in Textrahmen eingebettet sind. Wir können die Texte nicht importieren, sondern muss jeden Textrahmen einzeln per Copy/Paste ins Indesign-Dokument einfügen. In Powerpoint eingebettete Bilder sind fürs Layout wertlos, sie wurden beim Einbetten für Powerpoint optimiert. Schneller und nützlicher sind (durchaus handgekritzelte) Skizzen der einzelnen Seiten Sinne von: Text hierher, Bilder hierher.

Texte

Alle Texte für ein Layout sollten gemeinsam in ein Word- oder TXT-Dokument, und zwar möglichst unformatiert. Das heißt: Bei Überschriften zum Beispiel nicht fette Schrift auswählen, sondern z.B. ### Ü1 ### dazuschreiben, damit wir wissen, was wie zu formatieren ist. Moderne Layoutprogramme können allerdings die Formatvorlagen von Word importieren und ihnen die angepassten Formatvorlagen des Layouts zuweisen. Man kann also auch die Überschrift 1 als «Überschrift1» formatieren, das aber möglichst konsequent. Der Normalfall ist immer noch, dass beim Import eines Textdokuments sämtliche Formatierungen wegfallen.

Der Text sollte einerseits korrekturgelesen sein, denn Korrekturen im fertigen Layout können die Arbeit verdoppeln, wenn es zum Beispiel um die händische Korrektur von Zeilenumbrüchen geht. Andererseits sollte der Text so «sauber» wie möglich sein, also: keine doppelten Leerzeichen, keine doppelten Zeilenschläge (Leerzeilen werden besser mit Abständen vor dem Absatzformat erzeugt, so kann man sie auch anpassen), keine Leerzeichen vor Satzzeichen, keine Textblöcke, keine Tabulatoren, keine Notizen oder nachverfolgten Änderungen. Einfach nur sauberer Text. Den können wir dann unter Umständen mit einem Mausklick automatisiert über die vorgefertigten Masterseiten fließen lassen. Wieder mal Deppenhacken gespart.

Bilder

Sämtliche Bilder sollten als JPG, TIFF oder PSD vorliegen, jeweils mit einer Auflösung von 300 DPI und im Farbmodus CMYK. Beides lässt sich in Photoshop eruieren bzw. einstellen. Bitte nicht wundern, wenn die riesigen 72-DPI-Bilder plötzlich so klein werden. Wir brauchen die hohe Auflösung für den Druck, und die Anzahl Pixel wird bei größerer Auflösung nicht höher. Vierfärbige Bilder sollten übrigens nie als GIF abgespeichert werden, da GIFs nur 256 Farben haben und damit der Großteil der Farbinformation verloren geht. Die Bilder kommen in einen eigenen Ordner, möglichst aussagekräftig benamst und nicht ins Word-Dokument eingebettet. Es gehört zu unseren Job, die Bilder noch etwas zu bearbeiten und fürs jeweilige Druckprodukt zu optimieren. Kleine JPGs aus dem Internet sind aber, abgesehen von den urheberrechtlichen Problemen, kaum je zu gebrauchen; da hilft aller Photoshop-Zauber nichts. Auch hier besser etwas Geld in die Hand nehmen, einen Fotografen engagieren oder in den mittlerweile sehr günstigen Stockfoto-Archiven wie iStockphoto.com hochauflösendes Material einkaufen.

Abgesehen von der möglicherweise aufwändigeren Bildrecherche sollten diese Tipps den Arbeitsaufwand beider seiten nicht erhöhen, sondern drastisch reduzieren. Es ist eine klare Arbeitsteilung: Inhalte und eventuell Skizzen von den Auftraggebern, Layout und Druckvorlagen vom Grafikbüro. Damit kümmern sich beide um das, was sie am besten können und bringen sich entsprechend ein. Eine generell brauchbare Definition guter Teamarbeit.

13.11.08

Typografie-Tipps 4: Flattersatz

In unserem Artikel über Blocksatz könnte der Eindruck entstanden sein, dass der linksbündige Flattersatz die völlig problemlose Alternative ist. Dem ist nicht ganz so. Auch der Flattersatz hat seine Tücken.

Eingesetzt werden kann der Flattersatz praktisch überall: im ein- und mehrspaltigen Satz, für Prosatexte, Lyrik, lange Texte, kurze Texte. Wie beim Blocksatz wird er schöner, wenn die Zeilen lang genug sind. Aber gerade bei kurzen Zeilen ist der Flattersatz absolut notwendig, da diese nur löchrigen Blocksatz hergeben. Abgesehen davon ist die Entscheidung zwischen Flattersatz und Blocksatz vor allem Geschmackssache. Manche mögen das rhythmische Flattern am rechten Rand und die regelmäßigen Wortabstände des Flattersatzes, andere haben lieber die rigiden Rechtecke des Blocksatzes.

Zu den Tücken. Die meisten Textverarbeitungs-Programme und selbst viele Layout-Programme beherrschen den Flattersatz nicht. Sie können eigentlich nur Rauhsatz. Das heißt: Sie füllen die Zeile so weit, bis das Textfenster zu Ende ist. Keine Zauberei, aber eben Rauhsatz, der manchmal wie ein schlecht gemachter Blocksatz aussieht.

Im eigentlichen Flattersatz wechseln sich idealerweise kurze und lange Zeilen ab, und es gibt eine mehr oder weniger breite Flatterzone zwischen der kürzesten und der längsten Zeile. Dieser Effekt lässt sich durch zwei Maßnahmen erreichen: Erstens wird die automatische Zeilentrennung abgedreht. Im Flattersatz trennt man händisch und schön, also nur dort, wo es inhaltlich einen Sinn ergibt. Wörter unter fünf Buchstaben sollte man zum Beispiel nicht trennen. Zweitens: Korrektur per Hand. Wenn man der Automatik vertraut, können unerwünschte Effekte eintreten, zum Beispiel ungewollter Formsatz. Es kann irritieren, wenn das, was eigentlich flattern sollte, plötzlich wie eine Kurve oder eine Nase aussieht. Hin und wieder ein erzwungener Zeilenwechsel bringt die notwendige Korrektur.

Man sieht schon: Flattersatz ist keine faule Lösung, sondern, wenn man es ordentlich macht, aufwändiger als Blocksatz. Jedenfalls braucht es dafür Schriftsetzer, die auch den Text lesen.

5.11.08

Von Obama lernen

Barack Obama wird also der neue US-Präsident. Und das mit einem Sieg, den trotz Prognosen in dieser Klarheit keiner erwarten konnte. Natürlich hat er als Person und mit seinen Inhalten überzeugt, natürlich kamen ihm die Anti-Bush-Stimmung und die Finanzkrise zupass. Dennoch: Dieser überragende Erfolg ist vor allem auch das Resultat einer modernen Marketing-Kampagne, wie es sie in dieser Form noch nie gegen hat. Ich bin kein Insider, dennoch nehme ich mir einige Lektionen mit, inspiriert durch Blog-Artikel der Marketing-Gurus Seth Godin und Laura Ries.

Schon in den ersten Analysen wird klar, warum Obama rein rechnerisch gewonnen hat. Er konnte neue Schichten und wesentlich mehr Menschen als in den Wahlen zuvor dazu motivieren, wählen zu gehen. Angeblich hat er unter den NeuwählerInnen (vor allem den -Innen) sogar einen Anteil von 70 Prozent erreicht. Wie hat er das geschafft, und was können wir auch vom Scheitern seines Gegners McCain lernen?

Lektion 1: Klare Botschaften, Konsequenz bis hin zur Sturheit. Obama hat seit dem Tag seines Eintritts ins Kandidatenrennen eine Botschaft gehabt, ein Stichwort besetzt: «Change», vielleicht noch ergänzt durch «Hope». Diese Botschaft hatte einerseits den Vorteil, dass sie fast jeder wollte, andererseits verkörpter Obama den Anspruch auf ein neues Amerika wie kein anderer. Er ist jünger, hat eine andere Hautfarbe, spricht anders, denkt anders als das Bush-Establishment. Und sein Programm unterscheidet sich radikal von jenem der Republikaner. Das ist auch ein Pluspunkt für Obama: Er hat sich nie als besserer Republikaner, sondern immer als eher liberal denkender Demokrat positioniert, mit Themen wie Gesundheitsversorgung, Umverteilung, Energiewende. Durchaus mutig, wenn man weiß, wie man sich mit diesen Themen in den USA lange Zeit ins radikale Eck hatte stellen lassen müssen.

Doch es war klar, dass Obama nicht nur mit den Stimmen der registrierten Demokraten gewinnen konnte. Er brauchte neue Wähler. Jene nämlich, die bisher nicht oder wechselnd gewählt haben. Junge Menschen, Frauen, Unabhängige. Sie zu mobilisieren war das klare Ziel der Kampagne. Obamas Team hat es geschafft, indem es von Anfang an den Weg der «Grassroots» gegangen ist. Das heißt: Der viel zitierte Kleine Mann sollte nicht nur Zielgruppe sein, der über die klassischen Medien mit Werbung abgefüttert wird, er sollte selbst Wahlhelfer werden. Das Obama-Team hat, wie Seth Godin beschreibt, von Anfang an eine Liste mit Menschen geführt, die sich für Informationen über Obama interessieren. Diese wurden gezielt (und nicht übermäßig oft) mit relevanten Informationen versorgt und dazu motiviert, weitere Engagierte zu finden. Gleichzeitig hat Obama wie kein anderer vor ihm die neuen Medien genutzt. Weblogs, Twitter, YouTube und viele anderen Services waren voll mit Inhalten, die von den Usern selbst (und vom Obama-Team) geschaffen wurden. Berühmt geworden ist das iPhone-Tool, das im Adressbuch des Users Freunde in den so genannten Swing-States herausgesucht hat, mit der Bitte, diese doch von Obama zu überzeugen. Wie viel mächtiger ist es, wenn ein begeisterter Freund mich anruft, als wenn (wie bei McCain) ein Automat vom Band über Obama herzieht.

Das ist für mich die zweite wichtige Lektion aus dem US-Wahlkampf: Negativwerbung geht meistens schief. McCain hat versucht, sich selbst als den wahren Reformer hinzustellen – «Change» war aber schon von seinem Gegner besetzt. Dann blieb nur noch der Schmutzkübel mit dem Versuch, Obama ins linksextreme Eck zu stellen. Das hat beim letzten Wahlkampf noch gut funktioniert, dieses Mal aber nicht. Obama war schon positioniert, McCain nicht. Er hat mehr oder weniger gesagt: «Wählt nicht den da.» Er hatte aber sonst kein Argument für «Wählt mich». Wir lernen daraus: Botschaften zu klauen funktioniert nicht, und wer attackiert, sollte auch eine echte Alternative bieten. Weiters hat McCains Team nicht mit der Macht der Grassroots gerechnet: Obamas Anhänger identifizierten sich mit seiner Bewegung. Jeder Angriff McCains war ein Angriff auf sie und nur noch mehr Motivation, ihrem Kandidaten zum Sieg zu verhelfen

Letzte Lektion: Das Spiel ist erst gewonnen, wenn es vorbei ist. Obama hat angeblich seinem Team immer gesagt: Wir arbeiten so, als lägen wir zehn Prozent hinter McCain in den Umfragen. Hoffnung alleine reicht nicht, die Menschen müssen auch hingehen zur Wahl, unter Umständen stundenlang anstehen. Die Devise war also: Mobilisieren bis zum letzten Tag. Was auch in diesem YouTube-Video schön zum Ausdruck kommt:

So ist es ja nun nicht gekommen. Wir dürfen also gespannt sein auf den Präsidenten Barack Obama. Aber da zeigt sich die letzte Lektion, die wir von ihm lernen können: Obama hat bei seinem Wahlkampf immer auch an seine Präsidentschaft gedacht. Er hat immer gesagt: «Ich bin nicht perfekt, ich habe viel zu lernen, es gibt viel zu tun.» Gleichzeitig gab es aber immer seine Visionen, Ziele und Projekte: Abzug aus Irak, Reform des Gesundheitswesens, Steuerreform zugunsten des Mittelstandes. Die Basis, die Obama für sich geschaffen hat, wird ihm Zeit geben für seine Projekte, wird ihm Fehler verzeihen, ihn aber auch an seine Visionen erinnern, sollten sie links liegen bleiben. Gute Aussichten für ein neues politisch-gesellschaftliches Klima in den USA. Den Vergleich mit den Wahlen in Österreich spare ich mir jetzt.

27.10.08

Ausstellung: Schwanger sein.

Ulrike Wieser ist seit frühesten Zeiten unsere liebste Kooperations-Partnerin, wenn es um Fotos geht. Sie hat nicht nur technisch alles drauf, sondern auch diesen besonderen Blick für Menschen. Im Tagesgeschäft hat sie sich auf zwei besonders schöne und schwierige Themen spezialisiert: Schwangerschaft und Kinder.

Jetzt gibt es einige ihrer Bilder in einer Ausstellung zu bewundern: Die Vernissage findet am 31. Oktober 2008 um 17 Uhr im Nanaya statt (Zollergasse 37, 1070 Wien). Entstanden sind diese Bilder aus einer Zusammenarbeit mit der Künstlerin Christina Regorosa, die Erfahrungen aus ihrer eigenen Schwangerschaft in Texte verarbeitet hat. Fotografisches Thema der Ausstellung (und des dazu gehörigen Bildbandes) ist das neue weibliche Körperbewusstsein, das aus der einzigartigen Situation des Schwangerseins entsteht. Entstanden sind ehrliche, authentische Bilder, die von dem so ganz anderen, natürlichen Schönheitsideal der Schwangeren erzählen.

Übrigens: Auch für jeden Mann, der diese wundersame Verwandlung einmal miterlebt hat (oder es einmal vor hat), eine empfehlenswerte Veranstaltung.

15.10.08

Typografie-Tipps 3: Blocksatz

Eine immer noch stark verbreitete Binsenweisheit ist: Linksbündiger Flattersatz ist besser als Blocksatz. Grundsätzlich. Das stimmt so nicht, ich kann mir aber denken, woher die Faustregel kommt: Beim Blocksatz kann man viel mehr falsch machen.

Wenn wir einfach in unserem Textverarbeitung- oder Satzprogramm auf den Blocksatz-Knopf klicken und uns nicht weiter darum kümmern, sind meistens Löcher die Folge. Löchriger Blocksatz entsteht, wenn die Wortabstände zu unregelmäßig werde, die Wörter in einzelnen Zeilen also zu weit auseinander stehen (wie im zweiten Absatz des Beispiels). Verhindern kann man das durch drei Maßnahmen. Erstens müssen wir die automatische Silbentrennung einschalten. Blocksatz ohne Trennung funktioniert nicht, weil uns sonst jedes längere Wort die Wortabstände auseinanderzerrt. Man sollte zwar nicht mehr als drei Trennungstriche untereinander stehen haben oder zu kurze Wörter (unter fünf Buchstaben) trennen, aber selbst das ist weniger störend als die Löcher im Textfluss.

Zweitens dürfen die Zeilen im Blocksatz nicht zu kurz sein. Unter 40 Anschlägen wird es einfach haarig, weil uns bei so wenig Platz einfach die Optionen ausgehen. Wir müssen dann meistens hässlich trennen und Löcher in Kauf nehmen, wie auf dem zweiten Bild zu sehen ist. Bei kurzen Zeilen ist Flattersatz also angebracht.

Die dritte Maßnahme macht nun etwas Arbeit: Wir dürfen uns nicht auf die Routinen der Satzprogramme verlassen, weil diese weder sehen noch lesen können. Unschöne Löcher und problematische Trennungen müssen also immer noch von Hand ausgeglichen werden (bitte mit bedingtem Trennstrich, nicht einfach ein Minus reinhauen – das bleibt dann am Schluss immer irgendwo mitten in der Zeile über).

Wenn wir diese drei Tipps befolgen, müssen wir auch nicht auf schmutzige Tricks zurückgreifen. Gemeint ist vor allem das unschöne Ausweiten der Buchstabenabstände, wie wir es aus der Bezirkszeitung kennen (siehe Absatz drei in den Bildern). Sperren ist eine Wortauszeichnung, dadurch irritieren komplett gesperrte Zeilen (oder gar einzelne Wörter, die plötzlich eine ganze Zeile füllen) im Text sehr. Manche Textverarbeitungen machen das automatisch, also dringend abdrehen!

Die Faustregeln für den Blocksatz sind also:

  • Blocksatz immer mit Silbentrennung
  • Zeilen nicht kürzer als 40 Anschläge
  • Trennungen manuell ausgleichen
  • Sperren hilft nicht

7.10.08

Typografie-Tipps 2: Zeilenlänge

Mindestens so oft, wie ich zu engen Zeilenabstand sehe, kommen mir zu lange Zeilen unter. Der Folder im Bild ist mir gestern zugesteckt worden. Ganz abgesehen von der entstellten Typografie des Logos, dem auspixelnden Bild, dem Logofriedhof am rechten Rand und der für Lesetexte absolut ungeeigneten Kapitälchenschrift «Bank Gothic» sind die Zeilen viel zu lang, gehen sie doch (über zwei Falzungen hinweg) quer über fast eine ganze A4-Seite. Der Effekt ist folgender: Wenn meine Augen am Ende einer Zeile angekommen sind, können sie den Anfang der nächsten kaum mehr finden. Der Weg ist einfach zu weit. Weil wir aus Büchern und Magazinen so lange Zeilen nicht gewohnt sind, ist die Versuchung groß, in der Mitte der Zeile gleich zur nächsten zu springen. Leserlichkeit ist anders.

Auch in einer wenigen extremen Ausprägung fallen lange Zeile negativ auf. Schuld ist mal wieder MS Word, das sehr sparsame Seitenränder und damit recht lange Zeilen voreingestellt hat. Wer sehr auf Leserlichkeit achtet, zum Beispiel weil er oder sie Bücher setzt, hält sich an folgende Faustregel: Eine Zeile sollte nicht mehr als ungefähr zehn Wörter bzw. rund 60 Anschläge haben. Darüber wird es mühsam, darunter geht es eher. Kurze Zeilen sind wir aus Magazinen und Zeitungen gewohnt; sie sind für diese Art von mehrspaltigen Rasterlayouts einfach notwendig. Hier ist wieder der Ausgleich des Zeilenabstands wichtig, denn sehr schmale Spalten müssen enger gesetzt werden, damit der Text noch kompakt wirkt. Natürlich dürfen in schmalen Spalten auch die Zeichen selbst nicht zu groß sein, sonst werden zusammengehörige Satzteile über zu viele Zeilen verteilt.

Wie also sind zu lange Zeilen zu verhindern? Eine Möglichkeit ist das Anpassen des Schriftgrads (der Schriftgröße) – die Zeile bleibt gleich, aber ihr Inhalt wird damit geringer. Das führt jedoch oft zu übertrieben großen Schriftgraden, die der Leserlichkeit nicht zwingend dienlich sind. Besser ist meistens, entweder auf mehrspaltigen Satz umzusteigen und/oder die Seitenränder massiv zu vergrößern. Entgegen der volkstümlichen Meinung dient dieser großzügigere Satzspiegel nicht allein dem Strecken von Seminararbeiten, sondern vor allem der Leserlichkeit. Weißraum und der mittelgraue Textblock werden so ausbalanciert, das Auge geführt, Ablenkung links und rechts des Blattes minimiert.

Die Faustregeln für Satzbreite bzw. Zeilenlänge lauten also:

  • Zeilen nicht länger als ca. 60 Anschläge setzen
  • Lange Textblöcke sind mehrspaltig oft übersichtlicher
  • Großzügige Seitenränder sorgen für Übersicht und angenehme Spaltenlänge

Damit verabschiede ich mich für den Rest der Woche. Heimaturlaub!

2.10.08

Typografie-Tipps 1: Zeilenabstand

Viele Satzfehler passieren bei den banalsten Dingen. Zum Beispiel beim Zeilenabstand, im Fachjargon auch Durchschuss genannt. Die aus MS Word bekannten Kategorien einfacher, 1,5-facher und doppelter Zeilenabstand sind etwas unpräzise. Doch selbst bei Word kann man genauer einstellen: Im Menü Format-Absatz einfach «genau» oder «mindestens» auswählen und dann eine Punktgröße einstellen. Die Punkte beziehen sich allerdings nicht eigentlich auf den Abstand, sondern auf die Zeilenhöhe. Stellt man bei einer 10-Punkt-Schrift also 13 Punkt Zeilenabstand ein, hat man tatsächlich 3 Punkt Durchschuss.

Einen «richtigen» Zeilenabstand zum quer Drüberbügeln gibt es nicht. Je nach Schriftgrad, Schriftart, Textmenge und Zeilenlänge ist mehr oder weniger davon erforderlich. Wenn ich mir Amateurtexte anschaue, ist da aber meistens zu wenig Durchschuss.

Wie entwickelt man nun ein Auge für den richtigen Zeilenabstand? Grundsätzlich ist der Zeilenabstand dafür da, dass die Augen beim Lesen auf der Zeile bleiben und nicht hoch oder runter hüpfen. Dafür sollte der optische Abstand zwischen den Zeilen mindestens so groß sein wie der Abstand zwischen den Wörter, eher etwas größer. So wie im ersten Absatz unseres Beispiels.

Ist der Durchschuss zu klein bzw. negativ, können die Unterlängen der oberen Zeile und die Oberlängen der unteren Zeile kollidieren, so wie das «p» und das «l» im zweiten Absatz. Das ist hässlich, stört den Lesefluss und verleitet zum Zeilenspringen.

Reichlich Zeilenabstand verbessert also die Leserlichkeit eines Textes und ist fast wichtiger als die Schriftgröße (Jargon: der Schriftgrad). Ein alter Designerschmäh ist jener: Kunde wünscht größere Schrift, Designer macht Schrift kleiner und Zeilenabstand größer, Kunde freut sich über die größere Schrift.

Größer ist natürlich nicht immer besser: Wenn der Zeilenabstand zu groß ist, fallen die Zeilen auseinander, es gibt keinen schönen Textblock mehr und es fällt schwer, vom Ende der einen zum Anfang der nächsten Zeile zu springen. So wie im untersten Beispiel.

Der richtige Zeilenabstand ist also immer relativ. Die Faustregeln dafür lauten:

  • Je kleiner die Schrift, desto größer der Zeilenabstand
  • Je länger die Zeile, desto größer der Zeilenabstand
  • Umgekehrt: Je kürzer die Zeile, desto kleiner der Zeilenabstand
  • Unterlängen und Oberlängen dürfen sich nicht berühren
  • Der Textblock soll einheitlich erscheinen, von der Ferne betrachtet weder schwarz noch weiß sein, sondern mittelgrau

Typografie-Tipps

Jeder kann heute Texte schreiben, setzen und drucken. Oder sagen wir es so: Die Werkzeuge dafür sind allen zugänglich. Das Problem dabei ist nur, dass man, um mal ein Bild zu bemühen, noch lange kein toller Koch ist, bloß weil man einen teuren Herd hat. Bei der Typografie ist die Sache noch tückischer, denn die meisten Augen sind nicht für dieses Handwerk geschärft. Und weil alles dank Computer scheinbar so leicht ist, machen wir es uns so. Leicht.

Nun war die Heimtypografie bisher auf kleine Auflagen beschränkt: Handzettel, Einladungen, Briefe, Handouts. Dank Digitaldruck und Print-on-Demand schaut die Sache heute anders aus. Jeder kann seinen Namen auf einen Buchdeckel drucken lassen, ohne große Investitionen, ohne Risiken; aber auch ohne Lektor und Setzer. Selbst bei klassischen Verlagen wird es immer üblicher, solche Arbeiten den Autoren zu überlassen und sich auf Produktion und Marketing zu konzentrieren. Das Resultat: Alles ist möglich, aber vieles läuft falsch. Dabei hat das System, in Verbindung mit den individuellen Vertriebsmöglichkeiten des Internets, ein großes Potenzial. Dieser neue Aufschwung des Selbstverlages kann dazu führen, dass auch Publikationen unters Volk kommen, die eben nur eine sehr kleine Gruppe interessieren.

In diesem Sinne starten wir hier jetzt eine kleine Reihe, die weniger für die geneigten Kollegen der Branche gedacht ist, sondern ganz bewusst für all jene, die ihre Inhalte veröffentlichen wollen, sich aber kein professionelles Layout leisten wollen oder können. Es geht um Typografie-Faustregeln für den Hausgebrauch. Im nächsten Post geht es los!